Cécile Bonnet-Weidhofer schreibt dem Nachbarschftstreff

Cécile Bonnet-Weidhofer und Karoline Preisler

Cécile Bonnet-Weidhofer und Karoline Preisler

Von Cécile Bonnet-Weidhofer, Mitwirkende „Asyl hat ein Gesicht“

„Eigentlich wollte ich diesen Beitrag  längst dem Team des Nachbarschaftstreffs geschickt haben. Als ich schon vor Monaten gebeten wurde, über meine Erfahrungen und meinen Werdegang  zu schreiben – ich bin in Frankreich geboren und lebe seit 15 Jahren in Deutschland – , habe ich sofort zugesagt. Und mir an den Schreibtisch gesetzt. Und auf eine leere Seite gestarrt. Ich konnte nichts schreiben. Denn ich fühlte mich damals orientierungs- und perspektivlos. Ich war gerade in ein anderes Bundesland gezogen, hatte kein Job, vermisste die Menschen, von denen ich mich verabschiedet hatte.

Es klingt, als hätte ich das Kontinent gewechselt. Es waren lediglich knapp über 200 km. Um meine Welt brach zusammen. Ich konnte nicht schreiben, weil ich nicht gewusst hätte, welche positive Botschaft ich hätte vermitteln können. Ich habe mich immer durch das definiert, was ich tue. Und ich habe in den letzten Jahren viel getan. Wirklich viel. Mit großer Freude. Und auf einmal war das, was mich ausmachte – bzw. was ich dachte, das mich ausmacht – , weg. Ich musste mir neue Ziele setzen. Mich wiederkennenzulernen. Entscheidungen treffen. Es war schwer.  Darf man so etwas überhaupt schreiben, wenn man weiß, dass dieser Beitrag möglicherweise von Menschen gelesen wird, die Verwandte schmerzhaft vermissen und ihr Land in dramatischen Umständen verlassen haben? Wahrscheinlich nicht. Oder vielleicht doch. Denn es wäre für mich eine Möglichkeit, mich für eine Lebenslektion zu bedanken.

Ich denke sehr gerne an das Projekt „Asyl hat ein Gesicht“ zurück, wo wir, Team und Besucher*innen des Nachbarschaftstreffs alle fleißig Masken und Handabrücke gemacht und dabei erzählt, gelacht, ausgetauscht haben. Ich wusste nichts über die Teilnehmer*innen und sie kaum etwas über mich. Alter, Herkunft, Beruf spielten keine Rolle. Was uns verband, war die Gegenwart. Das gemeinsame Schaffen und der Ansporn, eine Geschichte zu erzählen. Es wurde nicht zurückgeblickt und gejammert, sondern trotzend und voller Zuversicht nach vorne geschaut. Ich kriege heute noch Gänsehaut, wenn ich an die Energie denke, die damals im Raum floss. Es war Winter und sehr kalt draußen. Aber der Unterrichtsraum des Nachbarschaftstreffs strahlte. Wir hätten in diesem Moment alles bewegen können. Nur, weil wir er es wollten. Weil wir (uns) vertrauten.

Cécile Bonnet-Weidhofer und Karoline Preisler

Cécile Bonnet-Weidhofer und Karoline Preisler

Ich habe also irgendwann auch für mich entschieden, mir und dem Leben zu vertrauen. Ich habe aufgehört, die Probleme zu sehen und aus Herausforderungen Chancen gemacht. So wie die Menschen, die ich in Barth kennengelernt habe. Und es hat funktioniert. Ich bin mit meiner Familie zwar wieder umgezogen aber, weil ich ein Jobangebot bekommen habe. Und was für ein Angebot. Ich arbeite in Berlin für die Europäischen Akademie für Frauen in Politik und Wirtschaft, die sich für Diversity und Chancengleichheit einsetzt. Und ich teile mein Büro mit einer tollen syrischen Kollegin, die „Open Doors – Open Minds“, ein Programm zur beruflichen Orientierung für geflüchtete Frauen begleitet. Ich würde mich freuen, wenn wir Besucher*innen des Nachbarschaftstreffs irgendwann für ein Projekt der EAF Berlin gewinnen. Über diesen Austausch, das weiß ich jetzt schon, wird man viel Beiträge schreiben können.“

Cécile Bonnet-Weidhofer, 21. Juni 2018

Bilderverzeichnis: © Frank Burger